Nachhilfe für die Integration und das Bildungssystem

01. Apr 2016 • News • Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation • Marktforschung • Sozialwissenschaftliche Studie • Wirtschaft, Politik & Gesellschaft • Bildung & Wissenschaft • Arbeitswelt

Eine neue Umfrage zeigt, wie benachteiligte Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg unterstützt werden können. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind unter 25 Jahre alt und könnten somit in das deutsche Bildungssystem kommen und dadurch frühzeitig in die Gesellschaft integriert werden. Hierfür müssten jedoch bestehende Schwachstellen im Bildungssystem beseitigt werden, was nicht unbedingt nur mehr Geld erfordert.


So bräuchte es beispielsweise einer Änderung bestimmter eingefahrener Regelungen und einer stärkeren Zusammenarbeit mit freiwilligen Helfern. Dies ergab eine qualitative Befragung der Vodafone Stiftung unter gemeinnützigen Organisationen, die bereits seit Jahren benachteiligten Kindern und Jugendlichen auf ihrem Bildungsweg helfen. Hierzu zählen unter anderem die Initiative Teach First, die hochqualifizierte Berufseinsteiger für zwei Jahre an Schulen in sozialen Brennpunkten vermittelt, um die Lehrer zu unterstützen, sowie das Netzwerk ArbeiterKind.de, das Kinder aus Arbeiterfamilien zum Studium ermutigt und begleitet.

In den Schulen herrscht ohnehin schon ein zunehmender, altersbedingter Lehrkräftemangel, der nun durch die hohe Zahl von Flüchtlingskindern noch weiter verschärft wird. "Wir brauchen also dringend mehr Lehrer", so der Geschäftsführer von Teach First, Ulf Matysiak, "aber um Lehrer zu werden, gibt es bisher nur einen Weg, der rund sieben Jahre dauert: Lehramtsstudium für zwei Fächer mit Referendariat". Zwar gibt es vereinzelt bereits Möglichkeiten für Seiteneinsteiger, aber diese reichten nicht aus, um das Problem zu lösen. Sein Vorschlag: den Zugang zum Lehrerberuf auch für andere Hochschulabsolventen öffnen, die erst einmal nur ein Fach unterrichten und ein berufsbegleitendes Aufbaustudium absolvieren.

Auch die jungen Flüchtlinge, die nicht mehr im Schulalter sind, stoßen auf dieselben Hürden, die gleichaltrigen Deutschen schon lange im Wege stehen, so Katja Urbatsch, die Gründerin der Initiative ArbeiterKind.de, bei der inzwischen auch viele Flüchtlinge Rat suchen: "Wer kein Abitur hat, kann es zwar theoretisch auch auf eine Hochschule schaffen, aber die Wege dorthin sind sehr kompliziert und je nach Bundesland verschieden. Gleiches gilt auch für die Studienfinanzierung." All dies sollte vereinfacht und möglichst einheitlich geregelt werden, so Urbatsch weiter. "Damit wäre Flüchtlingskindern ebenso wie Arbeiterkindern gleichermaßen geholfen."

Doch das Bildungssystem braucht nicht nur solche Erleichterungen im Inneren, sondern auch mehr freiwillige Helfer von außen. Lehrer und Erzieher bleiben natürlich die eigentlichen Bildungsexper-ten, aber gerade weil ihre Aufgaben nun ungeahnt größer und schwieriger werden, brauchen sie zusätzliche Unterstützung. Erfreulicherweise gibt es ja eine große Zahl von Menschen in Deutsch-land, die sich für Flüchtlinge engagieren wollen. Damit diese den Flüchtlingen nun auch bei der langfristigen Integration in den Bildungseinrichtungen, wie Kitas, Schulen und Hochschulen, effektiv helfen können, sollten mindestens fünf Faktoren berücksichtigt werden.

Erstens, in jeder Kommune sollte es einen zentralen Ansprechpartner geben, der die freiwilligen Helfer an die Bildungseinrichtungen vermittelt - diese Aufgabe könnte der neue Bildungskoordinator für Flüchtlinge übernehmen, den jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt künftig mithilfe des Bundesbildungsministeriums einstellen kann. Zweitens, Freiwillige und Hauptamtliche in den Bildungseinrichtungen sollten die Rolle des jeweils anderen respektieren sowie offen und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Drittens, die Bildungseinrichtungen sollten die Freiwilligen gut auf ihren Einsatz vorbereiten und kontinuierlich betreuen, was von der Politik beispielsweise dadurch unterstützt werden könnte, dass sie vor Ort zentrale Fortbildungskurse für alle Helfer anbietet, die nicht von jeder Bildungseinrichtung einzeln durchgeführt werden können - etwa zu interkulturellen Aspekten, zum Umgang mit Traumatisierung, zur Vermittlung gesellschaftlicher Werte und dem Lernen von Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache. Viertens, jede Bildungseinrichtung muss ihr Schutzkonzept vor Gewalt und Missbrauch, das sie ohnehin haben sollte, nahtlos auf den Einsatz von freiwilligen Helfern übertragen, die zudem vor Beginn ihres Einsatzes ein aktuelles erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen. Und schließlich, sollten alle Freiwilligen die Anerkennung erhalten, die sie verdienen - vom kleinen, ehrlichen Danke im Alltag bis hin zur großen Dankesfeier, bei der der Bürgermeister oder auch der Ministerpräsident alle Helfer für ihren Einsatz auszeichnet. Dies verursacht fast keine Kosten, setzt aber ein weithin sichtbares Zeichen für den gesellschaftlichen Wert des Flüchtlingsengagements insgesamt.

Alle Erkenntnisse aus der Umfrage finden sich im Internet unter www.vodafone-stiftung.de.

Über die befragten Organisationen

Die befragten gemeinnützigen Bildungsorganisationen engagieren sich bereits seit Jahren an Kitas, Schulen und Hochschulen in ganz Deutschland - mit insgesamt rund 10.000 Freiwilligen helfen sie dabei über 50.000 Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Verhältnissen:

Rock Your Life qualifiziert Studierende als Mentoren, die ehrenamtlich Schüler aus benachteiligten Verhältnissen unterstützen. Im Rahmen einer strukturierten, zweijährigen Mentoring-Beziehung begleiten sie die Schüler auf ihrem Weg in den Beruf oder auf die weiterführende Schule und helfen ihnen dabei, ihr individuelles Potenzial zu entfalten sowie ihre Perspektiven zu erweitern. ROCK YOUR LIFE! wurde 2008 gegründet und ist mittlerweile an mehr als 45 Standorten in Deutschland und der Schweiz mit rund 3.000 Mentoren aktiv. www.rockyourlife.de

Das Bürgernetzwerk Bildung Berlin wurde im Jahr 2005 gegründet. Mittlerweile sind mehr als 2.000 ehrenamtliche Helfer in Schulen und Kindertagesstätten in der ganzen Stadt - vornehmlich in sozialen Brennpunkten - tätig. Sie sind hierbei als Lese- und Lernpaten aktiv, d.h. sie sind meist parallel zum regulären Unterricht in den Schulen und zum morgendlichen Geschehen in den Kitas tätig und unterstützen Kinder und Jugendliche einzeln oder in kleinen Gruppen im Lese-/Lernprozess und im Spracherwerb. Es wird vorgelesen, gemeinsam gelesen oder die Kinder und Jugendlichen lesen vor. Die Lese-/Lernpaten korrigieren bei Bedarf und es erfolgt der Austausch über die gelesenen Texte zum Textverständnis. All dies geschieht in enger Abstimmung mit den Lehrkräften. www.vbki.de/der-verein/buergernetzwerk-bildung

Tausche Bildung für Wohnen wurde 2011 in Duisburg-Marxloh gegründet und stellt kostenlosen Wohnraum für Studierende sowie andere junge Bildungspaten zur Verfügung, die sich im Gegenzug intensiv um benachteiligte Kinder des Stadtteils kümmern. Jeder Pate betreut bis zu zwölf "eigene" Patenkinder von sechs bis zwölf Jahren und hilft ihnen bei den Hausaufgaben, gibt Nachhilfe und gestaltet mit ihnen ihre Freizeit. Dabei arbeiten sie eng mit den Schulen sowie mit sozialen und religiösen Organisationen im Stadtteil zusammen. www.tbfw-marxloh.org

Teach First Deutschland vermittelt engagierte Hochschulabsolventinnen und -absolventen aller Studienrichtungen und jeden Alters, mit überdurchschnittlichem Abschluss, als sogenannte Fellows an Schulen in sozialen Brennpunkten. Dort arbeiten sie zwei Jahre in vergütetem Vollzeiteinsatz, um die Schülerinnen und Schüler bei der schulischen und persönlichen Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Sie sollen dazu befähigt werden, ihre Potenziale zu nutzen, um geleitet von ihren Stärken und Interessen Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Teach First Deutschland ist Teil eines weltweiten Netzwerks und seit 2009 in Schulen in Deutschland im Einsatz - mit derzeit über 130 Fellows. www.teachfirst.de

ArbeiterKind.de wurde 2008 gegründet und ist ein Netzwerk aus inzwischen rund 6.000 ehrenamtlichen Mentoren in über 70 lokalen Gruppen bundesweit. Sie ermutigen Schüler aus nicht-akademischen Familien zum Hochschulstudium und geben praktische Hilfestellung zum Studienall-tag sowie beim Berufseinstieg. Hierfür geben sie beispielsweise regelmäßige Sprechstunden und Informationsveranstaltungen an Schulen, sie sind auf Bildungsmessen und Hochschulveranstaltun-gen präsent, sie kooperieren mit den bestehenden Service- und Beratungseinrichtungen für Schüler und Studierende und begleiten sie durch persönliches Mentoring. www.arbeiterkind.de

Über die Vodafone Stiftung Deutschland

Die Vodafone Stiftung ist eine der großen unternehmensverbundenen Stiftungen in Deutschland und Mitglied einer weltweiten Stiftungsfamilie. Unter dem Leitmotiv "Menschen und Ideen fördern" unterstützt die Stiftung als gesellschaftspolitischer Thinktank insbesondere Programme in den Bereichen Bildung, Integration und soziale Mobilität mit dem Ziel, Impulse für den gesellschaftlichen Fortschritt zu geben, die Entwicklungen einer aktiven Bürgergesellschaft zu fördern und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Dabei geht es der Vodafone Stiftung Deutschland vor allem darum, benachteiligten Kindern und Jugendlichen den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. www.vodafone-stiftung.de

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