Studie zur Radikalisierung deutscher Jugendlicher über das Internet

Die Studie analysiert die Rolle des Internet im Zuge des Radikalisierungsprozesses von Jugendlichen, wie und womit rekrutieren radikale Organisationen im Internet und welche Prozesse und Entwicklungen dabei bei den Jugendlichen ablaufen

Anbieter: DIVSI
Veröffentlicht: Nov 2016
Autor: Prof. Dr. Gertraud Koch, Teresa Stumpf, Roman Knipping-Sorokin
Preis: kostenlos
Studientyp: Marktanalyse • Sozialwissenschaftliche Studie
Branchen: Marketing & Medien • Online & IKT & Elektronik • Sicherheit • Wirtschaft, Politik & Gesellschaft
Tags: Digital Agenda • Djihadismus • Extremismus • Internet • Islamismus • Jugendliche • Kriminalität • Radikalisierung • Rechtsextremismus

Radikale Positionen finden in der heutigen Zeit in Deutschland und anderen westlichen Staaten im Zuge des aktuellen Weltgeschehens – Wirtschaftskrisen, jahrelang schwelende Kriege und Konflikte im Nahen Osten, Flüchtlingsströme und vieles mehr – wieder verstärkt Zulauf. Besonders wahrnehmbar verläuft diese Entwicklung im Bereich des Rechtsextremismus und des extremistischen Islamismus. Deren ideologische Inhalte und Ziele mögen sich einerseits eklatant voneinander unterscheiden, beide rütteln sie aber an unseren demokratischen Grundfesten und bedienen sich dabei modernster Mittel. Das Internet, mit dem unsere physische Welt heute so untrennbar verwoben ist, bietet ihnen eine schier endlose Plattform, um Ideologien zu verbreiten und neue Mitglieder zu gewinnen. Eine der wichtigsten Zielgruppen sind dabei diejenigen, die sich wie keine Generation zuvor mit absoluter Selbstverständlichkeit im digitalen Raum bewegen: Jugendliche. Aufgrund ihrer lebensphasenspezifischen Charakteristika können sie besonders anfällig für die Hinwendung zu radikalen Inhalten sein.

Das Bestreben der vorliegenden Arbeit ist es, die Thematik rund um Radikalisierung Jugendlicher im Kontext des Mediums Internet genauer zu beleuchten. Welche Rolle kommt dem Internet im Zuge des Radikalisierungsprozesses zu? Wie und womit agieren und rekrutieren radikale Organisationen im Internet, um junge Menschen für ihre Sache zu gewinnen und welche Prozesse und Entwicklungen laufen dabei bei den Jugendlichen selbst ab? Welche wirklich gesicherten Erkenntnisse liegen bereits vor und wo müssen wir uns auf den Weg machen und neues Wissen generieren?

Um all diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wurde eine große Zahl an nationalen und internationalen (Forschungs)Arbeiten zusammengetragen und deren Inhalte und Resultate auf eben jene Themen untersucht. Dabei zeigte sich schnell: Die aktuelle Forschungslage ist äußerst bruchstückhaft. Zwar existiert eine Vielzahl an Beiträgen, die dem Internet eine wichtige Rolle im Zuge von Radikalisierungsprozessen konstatiert und auch Jugendliche werden als Kohorte immer wieder aufgeführt, wirklich empirische und aussagekräftige Daten liegen aber nur sehr wenige vor. Zudem ist das Forschungsfeld zerklüftet von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und (inter) nationalen Bezügen, die dieselben Begriffe und Konstrukte sehr unterschiedlich verwenden.

Auch stellte sich heraus, dass über die Nutzerseite im Radikalisierungsprozess deutlich weniger bekannt ist als über das Angebot und die Rekrutierungsstrategien der verschiedenen extremistischen Organisationen, was notwendigerweise mit den Schwierigkeiten im Zugang zu Daten über sich gerade (meist still) radikalisierende Jugendliche zusammenhängt. Arbeiten, die sich dieser empirischen Herausforderung stellen, basieren zumeist auf Fallanalysen und biographischen Rekonstruktionen bereits radikalisierter Personen und/oder inhalts-analytischen Auswertungen von Medieninhalten. Deren Aussagekraft in die Breite ist jedoch nur sehr bedingt möglich und nicht selten ergeben sich auch Widersprüche. Beispielsweise über die notwendige Intensität in der Verschränkung zwischen physischer und digitaler Welt oder inwieweit eine (Selbst) Radikalisierung auch alleine online vonstattengehen kann. Oder auch über die Frage, ob ein aktiver Konsum von Inhalten notwendig ist, um entsprechende Präferenzen zu entwickeln oder ob auch ein passives Aufnehmen schon Wirkung zeigen kann. Beinahe durchweg zumindest betonen die ausgewerteten Arbeiten den Nutzen und die Wirkung der verschiedenen Kommunikations und Interaktionsmöglichkeiten, die das Internet den Jugendlichen insbesondere über die sozialen Netzwerke bietet. Als weitere den Radikalisierungsverlauf begünstigende Faktoren werden das aufkommende Gemeinschaftsgefühl, die Möglichkeiten zu Selbstdarstellung und -bestätigung, gefühlte Anonymität und die Versorgungsfunktion mit ideologischen Gütern benannt.

Über die Angebotsstrukturen und darüber, wie extremistische Organisationen diese zum Teil äußerst professionell bespielen, ist weit mehr bekannt. So nutzen sie die volle Breite der digitalen Infrastruktur über Webseiten, Foren und insbesondere Videoplattformen und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, um junge Menschen mit teils sehr gezielten Formaten anzusprechen und für sich zu gewinnen. Damit diese Angebote ideologieverstärkend wirken können, müssen sie auf ein entsprechendes Nutzungsverhalten treffen – wo aber das eine in das andere übergeht bzw. wie die Wechselwirkung zwischen Angeboten, Nutzung und Wirkung aussieht, scheint schwer zu bestimmen. Möglicherweise spielen die automatisierten, personalisierten Inhaltsselektionen von Suchmaschinen und sozialen Medien hier eine Rolle. Explizite Erkenntnisse, inwieweit und wann sich diese selektierte Darstellung auf Radikalisierungsprozesse Jugendlicher auswirkt, stehen jedoch weitestgehend aus.

Allgemein schreiben viele Beiträge dem Internet eine beschleunigende oder zumindest ermöglichende Wirkung für Radikalisierung zu. Die zugrundeliegenden Prozesse und Verschränkungen liegen noch weitestgehend im Dunkeln und sind aufgrund der Schwierigkeiten im Forschungszugang auch nur schwer zu beleuchten. Mindestens braucht es dafür eines interdisziplinären und multimethodischen Vorgehens und des Zusammenspiels experimenteller und alltagsorientierter Perspektiven.

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